Fundstücke (7): Die Bundesliga und wir – schwarz-weiße Blätter

Das Ellenfeld nach dem Entwurf des Neunkircher Architekten Felix Schaan, dahinter hochaufragend die Schlossbrauerei und das Eisenwerk, das Ganze abgerundet mit den Wappen von Verein und Stadt  – dieses Titelbild, das die tragenden Säulen der Borussia auf einzigartige Weise miteinander verbindet, zierte stets die Vereinsnachrichten der Borussia, die mehrmals im Jahr herausgegeben wurden. Die ebenso einfache wie bezeichnende Headline: Schwarz-Weiße Blätter, deren Schriftleitung in den Händen Jahrzehnte in den vertrauten Händen von Erich Manz lag.

Die vorliegende Ausgabe ist im August 1965 eine Woche vor dem Start in Borussias zweite Bundesligasaison herausgegeben worden und bietet einen interessanten Einblick in die damalige Situation. Der Saisonauftakt gegen den Aufsteiger Borussia Mönchengladbach, der mit den künftigen Top-Stars Günter Netzer, Jupp Heynckes und Berti Vogts im Ellenfeld seine Aufwartung machen sollte, warf seine Schatten bereits voraus.

Im Leitartikel beschwört Verfasser Erich Manz den „guten traditionellen Borussengeist“ herauf, „der unsere Mannschaft beseelt und das Fundament des spielerischen Aufbaus ist. Es ist eine Freude zu sehen, wie alle unsere Spieler mit Leib und Seele, mit Begeisterung bei der Sache sind. Und es ist eine erfreuliche Tatsache, dass sich unsere neuen Spieler gut eingelebt und sich zu Hause fühlen. Die Homogenität unserer Mannschaft bleibt nach wie vor gewahrt, Stars kennt man bei uns nicht. Trainer, Spieler und Spielausschuss – sie sind eine Einheit, die alles daransetzen, bis zum 14. August fit zu sein und unserem treuen Ellenfeld-Publikum das zu bieten, was es erwartet.“ Besondere Aufmerksamkeit gelte aber auch dem viel versprechenden Nachwuchs: „Denn unser bewährtes Rezept ist es, ab und zu junge talentierte Spieler in die Mannschaft zu nehmen und diese harmonisch wachsen zu lassen.“

Ein Appell wird vor allem an besonders kritische Zuschauer gerichtet: „Die Begeisterung im Ellenfeld soll keine Grenzen kennen, soweit sie sich in disziplinierten Formen hält. Die eigene Mannschaft anzufeuern, ist das gute Recht des Publikums, das seiner Elf den notwendigen moralischen Rückhalt geben muss. Es läuft jedoch nicht immer alles so, wie es das Publikum will, und beileibe auch nicht immer so, wie es der Spieler will. Dafür muss jeder Verständnis aufbringen und unsere Aktiven nicht deprimieren durch unberechtigte Pfiffe und anderes mehr. Jeder muss sich darüber im Klaren sein: Jeder unserer Spieler will sein Bestes geben, aber unfehlbar und vollkommen ist kein Mensch.“

Verteidigen musste sich der Vorstand für die offenbar umstrittene Maßnahme, dass Vereinsmitglieder ab der neuen Saison den normalen Eintrittspreis zu bezahlen haben. „Einer der Hauptgründe ist auf steuerlichem Sektor zu suchen. Gibt der Verein, wie es bisher üblich war, dem Mitglied einen verbilligten Eintritt, ist der Verein gesetzlich verpflichtet, Steuern und Abgaben von dem vollen Eintrittspreis zu berechnen“, heißt es in der Erklärung des Vorstandes, der „beschlossen hat, als Ausgleich den Mitgliedern zu allen Spielen der Amateurmannschaften und der Bundesliga-Reserve freien Eintritt zu gewähren. Die Unkosten in einem Bundesligaverein seien enorm hoch, zudem sei dem kleinsten Bundesligaclub, der Borussia, finanziell engere Grenzen gesetzt als anderen Vereinen. „Die finanzielle Existenz zu sichern muss ein Anliegen nicht nur der Funktionäre, sondern eines jeden Mitglieds sein“, so das Fazit.

Bundesliga-Spielplan 1965/66 – Orientierung für den Terminkalender aller Borussen-Fans (oben). Eine kleine Auswahl aus der Inserentenliste der Schwarz-Weißen Blätter gewährt einen Einblick in die Wirtschafts- und Geschäftswelt Neunkirchens in den 60er Jahren (unten).

Rückblicke gibt es auf das Vorbereitungsspiel gegen den holländischen Meister Ajax Amsterdam und die Intertoto-Runde, damals auch Rappan-Pokal genannt. Mit 5:2 (!) fegte eine schon in beachtlicher Frühform agierende Borussia den Gast aus den Niederlanden aus dem Ellenfeld. „Der Sieg über die starken Amsterdamer spricht dafür, dass Trainer Horst Buhtz es versteht, unsere Elf rechtzeitig fit zu haben für den Start zur Bundesligasaison“, die Mannschaft verrate „eine sehr ansprechende  Form“, heißt es zusammenfassend. Ein besonderes Lob erhalten die Neuzugänge Werner Görts, Gerd Peehs und Jürgen Wingert: „Was das interessierte Publikum zu sehen bekam, das riss es zu spontanen Beifallsstürmen hin.“ Die Intertot-Runde dagegen war nicht wie erhofft gelaufen: Zwar bezwangen die Borussen im ersten Spiel Malmö FF mit 3:1, kassierten aber anschließend bei ADO Den Haag eine 1:2-Niederlage. Beim Schweizer Erstligisten FC Lugano gab es wiederum einen beachtlichen 2:1-Erfolg, doch er sollte der letzte in der Runde sein. Denn anschließend kam Borussia zuhause gegen Lugano nicht über ein 1:1 hinaus und musste sich in den letzten beiden Spielen gegen Den Haag (0:3) und in Malmö (0:2) geschlagen geben. In der Abschlusstabelle landeten die Borussen – aufgrund des schlechteren Torverhältnisses – nur auf dem vierten und damit letzten Tabellenplatz. Heute unvorstellbar: Alle Heimspiele wurden im Homburger Waldstadion ausgetragen!

Auch die zweite Mannschaft der Borussia, damals noch „erste Amateurmannschaft“ genannt, findet Erwähnung; zu ihren Gegnern gehörten Clubs wie Quierschied, Dudweiler, Ensdorf, Friedrichsthal, Hasborn, Theley, Bischmisheim oder die Sportfreunde Saarbrücken. Trainer Ecker und Betreuer Hans Schley konnten für die neue Saison mit Ludwig Lang aus Spiesen einen Neuzugang begrüßen, der sich nur wenig später zu einem Stammspieler der ersten Mannschaft entwickeln sollte.

Abgerundet wird der Nachrichtenüberblick mit einem Beitrag über die Aktivitäten der Traditionsmannschaft und einem Bericht aus der 1927 gegründeten Handballabteilung. Die Traditionself war demzufolge viel unterwegs, trat bei diversen Turnieren u.a. 1860 München, Borussia Dortmund, SV Waldhof, Preußen Münster und Bayer Leverkusen an. Ein besonderes Erlebnis war die sportliche Begegnung mit dem ehemaligen Borussen-Trainer Adi Preißler, der damals im Trikot des Wuppertaler SV aktiv war. Was den Handball bei Borussia angeht, darf nicht unerwähnt bleiben, dass es sich überwiegend um Feldhandball handelte – die Borussen gingen dabei auf dem Platz der TuS 1880 Neunkirchen oder auf dem Nebenplatz des Ellenfelds (heute Ferraro-Sportarena) auf Torejagd. Hierbei hatte man mit den Frauen, der Jugend und der ersten Herrenmannschaft gleich mehrere Eisen im Feuer. Auch Torwart-Legende Willi Ertz hatte bekanntlich in früheren Jahren – parallel zum Fußball – das Trikot der Borussen-Handballer getragen, allerdings nicht zwischen den Pfosten, sondern im Feld. Hier kam ihm seine Körpergröße zugute, so dass er sich als Torwerfer von Format auszeichnete!

Keine Frage: Die Schwarz-Weißen Blätter stellen ein interessantes Dokument von hohem vereinshistorischen Wert dar, bieten sie doch einen spannenden Einblick in die traditionsreiche Geschichte der Borussia – auch hinter den Kulissen und abseits der sportlichen Resultate! (-jf-)

3 Kommentare

  1. Immer wieder schön,in dieser Ellenfeld losen Zeit die Memories von unserem lieben Jo zu lesen.Sofort kommt das Borussen-Herz auf Touren und erhöht die Schlagzahl.Danke Jo.In der Hoffnung das es bald wieder los geht.Go Jo,Go Borussia.

  2. Einmal mehr ein hervorragender Beitrag von Jo Frisch, spannend, informativ und unterhaltsam zugleich. Dafür herzlichen Dank, Jo!

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