Mach ´s gut da oben, Willi!

als Kommentar geschrieben von Raimund Eich

„Hast du das gelesen?“, fragt Rosi und schiebt mir das Zeitungsteil mit den Todesanzeigen über den Frühstückstisch zu. Es ist eine Annonce zu Willis Beerdigung, die auf Wunsch des Verstorbenen anonym stattfand, wie es darin heißt. Das passt zu Willi, denke ich mir und bin trotzdem ein wenig traurig darüber, weil nicht nur ich, sondern sicherlich auch viele andere ihm gerne auf seinem letzten Weg die Ehre erwiesen hätte. Gerne? Was für ein hässliches Wort in diesem Zusammenhang, aber leider fällt mir jetzt nichts Passenderes dazu ein.

Willi Ertz war im wahrsten Sinne des Wortes ein ganz Großer, nicht nur körperlich, sondern auch wegen seiner sportlichen Leistungen und vor allem wegen seiner menschlichen Qualitäten. Ich bin schon eine gefühlte Ewigkeit ein Willi-Fan, seit den goldenen 60er Jahren der Borussia, die 1964 im Aufstieg in die Bundesliga gipfelten, an denen er mit seinen Glanzleistungen im Tor einen ganz entscheidenden Anteil hatte. Im Auswärtsspiel gegen Bayern München, das die Borussen damals 2:0 gewannen, hielt Willi einfach alles und wurde zurecht als Aufstiegsheld gefeiert. Und so kam es, dass Borussia Neunkirchen 1964 noch vor den heute glorreichen Münchner Bayern aufstiegen und die Truppe um Franz Beckenbauer und Sepp Maier das Nachsehen hatte. Ich versäumte damals als junger Borussenfan kein Heimspiel im Ellenfeld, das meistens aus allen Nähten zu platzen drohte. Über 25.000 Zuschauer im Ellenfeld und obendrein noch einige Tausend auf der Schlossbräuwiese hinter der Gegengeraden.

Persönlich kennengelernt haben Willi und ich uns leider erst vor ein paar Jahren. Im VIP-Raum saßen wir nach den Heimspielen oft zusammen und unterhielten uns über die guten alten Zeiten. Ein paar Anekdoten, die er mir damals schmunzelnd erzählt hat, möchte ich gerne wiedergeben. Nach dem Aufstiegsspiel bei Bayern München erhielt er eine Flasche Champagner für seine grandiose Torwartleistung. Damals noch etwas ganz besonderes, hat er erwähnt, während sie sich heute nicht selten mit ganzen Magnumflaschen gegenseitig abduschen, wenn sie einen Pokal gewinnen. Die Mitspieler seien jedenfalls ganz wild darauf gewesen, ihm die Flasche abzuknöpfen, allen voran der Ringel Karl, mit dem er damals ein Zimmer geteilt habe. So sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als die Flasche irgendwo zu verstecken. Na warte, die find´ ich schon, habe der Karl angekündigt, worauf er im Leben nicht erwidert habe.
„Und, hat er sie denn gefunden?“, habe ich den Willi gefragt.
„Wo denkst du hin?“, hat er erwidert und grinsend den Kopf geschüttelt.
„Und wo hattest du sie versteckt?“
Wieder ein schelmisches Grinsen von Willi. „Im Bettkasten im Hotelzimmer“.
Ich muss zugeben, dass ich das Versteck nicht gerade sehr originell fand, und sagte: „.Aber dort hätte er sie doch im Nu finden müssen, Willi.“
Willi schüttelte sich fast vor Lachen. „In meinem Bettkasten schon, aber nicht in seinem, denn ich habe sie in seinem Bettkasten versteckt. Der arme Karl hat das ganze Zimmer x-mal auf den Kopf gestellt, aber er wäre nie darauf gekommen, in seinem Bett danach zu suchen.“
So war er, der Willi.

Als einige nach einem Oberligaspiel mit einer grottenschlechten Leistung unseres Borussentorwarts dem fast 70 jährigen Willi frotzelnd ankündigten, dass er beim nächsten Spiel wohl wieder ins Tor müsse, hat er nur trocken erwidert: „Kein Problem, ich habe die gepackte Sporttasche immer dabei.“
Noch ein letztes Schmankerl, das mir unvergessen bleibt. „Als mich anlässlich meines 70ten Geburtstags ein Journalist gefragt hat, was ich denn für die Zukunft noch anstrebe, habe ich ihm erwidert, dass ich gerne 71 werden möchte“, hat Willi mir damals erzählt. Das hat er zwar erreicht, und noch ein paar Jahre mehr, doch dann hat es das Schicksal leider anders gewollt. Ich bin mir ganz sicher, dass ihm Viele, die ihn kannten, die 100 und noch mehr gewünscht hätten.

Ich habe es leider in meinen damaligen Go Borussia-Kolumnen versäumt, diese Anekdoten zu Papier zu bringen. Umso mehr ist es mir ein Anliegen, dies wenigstens jetzt, nach Willis Tod, auf diesem Wege nachzuholen. Mit Willi Ertz haben wir nicht nur einen großartigen Menschen verloren, sondern einen Fußballer, der den Verein Borussia Neunkirchen über Jahrzehnte wie kein anderer verkörpert hat. Unser Willi hätte eigentlich ein Denkmal verdient, zumindest ein sportliches, wie der Fritz Walter in Kaiserslautern, nach dem das Stadion am Betzenberg benannt wurde. Finde ich jedenfalls. Es müsste ja nicht gleich ein ganzes Stadion sein, eine Willi-Ertz-Tribüne zum Beispiel wäre doch auch schon was, kommt mir dazu spontan in den Sinn. Nur ein Gedanke, weiter nichts.
Immer, wenn mein Blick zum Himmel geht, denke ich mir: Was der Willi wohl jetzt dort oben macht? Ich kann mir nicht helfen, aber ich werde das Gefühl einfach nicht los, dass er auch dort in einer himmlischen Elf zwischen den Pfosten steht und mit einigen ehemaligen Vereinskameraden fleißig für die Spiele im Stadion Auf der Himmelswiese trainiert, wie immer frenetisch angefeuert vom Borussen-Leo, während Frank Hasmann wie gewohnt die Mannschaftsskabine sauber hält.

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